Portrait

Andreas Kipp

Cellist

Berlin


Andreas Kipp ist Cellist beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem Cello-Quartett Berliner Cellharmoniker.

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Hackebeil

Dieses Messer habe ich vor Ewigkeiten für fünf Mark auf einem Berliner Flohmarkt gekauft. Ich mag diese Ästhetik des Alten und ich mag wie nützlich es ist. Mir ist das Kochen selbst fast lieber als das Essen, die Gerüche, die Konsistenzen. Mit diesem Schwergewicht in der Hand kann man das Kochen richtig fühlen. Außerdem zerteilt es wirklich alles.

 

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Schwimmbrille

Nach der Schule habe ich zehn Jahre keinen regelmäßigen Sport mehr getrieben. Dann hab ich eine Stelle beim Berliner Konzerthaus bekommen, direkt daneben, nur 100 Meter entfernt, gibt es ein Fitnessstudio mit Pool. Ein Freund von mir hatte noch einen Wochenpass übrig, also habe ich mal ausprobiert, wie es mir gefallen würde, dort zu schwimmen. Tatsächlich hat es mir richtig Spaß gemacht. Seit drei Jahren gehe ich fast immer vor meinem Dienst schwimmen, ungefähr vier Mal die Woche. Früh morgens ist noch Platz im Wasser, da kann man in Ruhe seine Bahnen ziehen. Irgendwann blendet man alles aus, man schwimmt sich in einen Rhythmus, der nur noch reine Bewegung ist. Damit es mir auf Dauer nicht so langweilig wird, habe ich mir für jede Zahl zwischen eins und 100 eine Assoziation ausgedacht, eine Liste, mit der ich beim Schwimmen Bahn für Bahn mein Gedächtnis trainiere: eins ist Gott, zwei das ZDF, die 33 zum Beispiel Tschaikowskys Rokoko-Variationen, die 68 ist Mexiko.

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Mendelssohn

Ich liebe Bach. Wenn ich Bach höre, höre ich viel Reinheit, ich höre die Konstruktion der Musik. Dann ist da auch noch Strauss, mein Lieblingskomponist für das Orchester, er ist immer so gerade eben spielbar, er reizt die Möglichkeiten des Orchesters als Instrument ganz und gar aus und ist extrem emotional. Mendelssohn liegt für mich genau in der Mitte, er überbrückt den Genuss von Konstruktion und Emotion. Das ist noch in der alten Tradition komponiert, aber mit einem Anhauch von Romantik, seine geistlichen Werke sind zwar immer noch devot, sie haben aber auch eine ganz bestimmte Süße. Es gibt viele Kollegen, die Mendelssohn hassen. Für mich ist es die Mischung aus Tragik und Fröhlichkeit – manchmal ist er sehr ernst, fast emotionsfrei, dann plötzlich lässt er es richtig einströmen und trifft einen damit nur umso tiefer.

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Reisepass

Man kann viel lesen und hat trotzdem nicht die geringste Ahnung, wie ein Land ist, bis man einmal dort gewesen ist. Mit unserem Cello-Quartett haben wir Benefiz-Konzerte für Straßenkinder in Äthiopien gemacht. Dann sind wir runtergeflogen, um auch dort noch zwei Konzerte zu spielen und das Geld zu überreichen. Als wir überlegten, was wir gemeinsam mit den Musikern von dort spielen könnten, haben wir an "Heal the World" gedacht. Sie fragten nur: Wer ist denn bitte Michael Jackson? Am Ende haben wir gemeinsam "Amazing Grace" gespielt. Die Musik hat mich in Länder geführt, in die ich sonst vermutlich nie gekommen wäre: Israel, Libyen oder Nordkorea, das war vielleicht der verrückteste Trip, elf Tage Absurdistan. Wir haben beim sogenannten "Frühlingsfestival" gespielt, wo sie zum Beweis ihrer Weltoffenheit von überall her Musiker einladen. Sie hatten auch Amerikaner eingeflogen, die dann allerdings nicht auftreten durften. Bei der Abschlussfeier haben wir vor 6000 Leuten auf einer vollkommen irren Bühne gespielt: Man setzt sich auf einen fahrbaren Streifen, wird reingefahren, dann spielt man, winkt mit den Bögen und wird wieder rausgefahren. Es gibt für mich nicht den einen Lieblingsort, ich mag gerade das Unterschiedliche: Das Straßenleben in Italien und wie man sofort darin aufgeht. In Israel haut es einen um, wenn man versucht, die Landschaft mit der Geschichte und Bedeutung dieses Landes in Einklang zu bringen. Das Gefühl des Beginns von unendlicher Weite in der Ägyptischen Wüste. Die Saftigkeit des Lebens in Frankreich, das Erdige in Norwegen. Und es geht immer so weiter.

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Heine

Ich lese alte Bücher lieber als neue, da mag dasselbe drin stehen, aber es ist einfach schöner, es ist anders gedruckt, fühlt sich anders an. Dieses Buch vereinigt, was ich an Büchern liebe: Es ist eine alte, billige Ausgabe, kein Erstdruck, bloß ein Buch von 1926 mit einem wahnsinnig schönen Inhalt. Insgesamt sind es fünf Heine-Bände, irgendwann muss mal ein Tintenfass auf ihnen ausgelaufen sein, auf allen Büchern gibt es Kleckse. Ich mag das weiche Leder und den Geruch von alten Büchern. Ich habe einen Martin Luther-Band, der muss einem Zigarrenraucher gehört haben, unglaublich, wie dieses Buch stinkt. Manchmal fühlt man noch den Stempel der Druckplatten. Die Widmungen vorne drin und die Anmerkungen der anderen Leser, die Stellen, die dann ganz akkurat mit Lineal unterstrichen wurden. Bücher müssen einfach benutzt sein.