Portrait

Dorothea Sundergeld

Journalistin

Hamburg


Die freie Journalistin schreibt über Design, Kunst, Architektur und Reisen für Magazine wie Art, A&W Architektur & Wohnen, Form und den Tagesspiegel – und bloggt über Dinge, auf die die Welt gewartet hat.

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Porno-Salzstreuer

Ich liebe Flohmärkte, stehe meist aber zu spät auf, um zu den Leuten zu gehören, die dort Yves-Saint-Laurent-Schuhe oder Eames-Stühle für ein paar Euro finden. Wenn ich über einen Flohmarkt streife, ist es eher so, dass die Gegenstände auf mich gewartet haben müssen. Dieser wunderschöne Salz- und Pfefferstreuer im Pin-up-Stil lag mit gebrochenen Beinen auf dem wir-misten-unsere-Fehlkäufe-aus-Tapeziertisch einer Hamburger Frauen-WG und sollte gegen Mittag nur noch 50 Cent kosten. Ein Preis, bei dem es nichts zu handeln gab. Ich packte die Lady ein, kaufte im Baumarkt noch für ein paar Euro Porzellankleber und rettete ihr Leben. Ich liebe dieses Teil für die Unbeholfenheit, mit der es Fantasien bedient (beim kleinsten Lufthauch rollen die Melonen vom Körper), für die totale Unbenutzbarkeit zum Würzen (viel zu große Streulöcher) und für das Transvestiten-Make-up, das ihr vermutlich ein Mitarbeiter in einer chinesischen Porno-Souvenir-Manufaktur verpasst hat.

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Schuhe

Wenn man klein ist und kein Strich in der Landschaft, dann ist es fast schon verpflichtend, einen ordentlichen Fetischismus für hohe Schuhe zu kultivieren. Die besten, die ich mir je gekauft habe, sind diese Sandalen. Sie haben ein Plateau und so breite Absätze, dass 14 Zentimeter Höhe gemütlich sind wie Gartenclogs. Man kann darauf Nächte durchtanzen und zur Not auch vor der Fahrkartenkontrolle wegrennen. Außerdem habe ich in diesen Schuhen geheiratet. Ich werde sie noch tragen, wenn ich 90 bin.

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Spageti Bongole

Okay, es ist nichts Besonderes: Meine Tochter malt Bilder und schenkt sie mir. Auf den meisten steht, wie sehr sie mich liebt und schon deshalb müsste ich die Wände damit tapezieren. Hier hat sie mein Lieblingsessen gemalt: Spaghetti Vongole. In einer ihr eigenen Rechtschreibung und mit so viel Style, dass man ein Kochbuch dafür verlegen müsste.

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Omas Schränkchen

Meine Oma war groß, so dünn, dass sie ihren BH über dem Unterhemd trug, hatte einen kleinen Dutt, der abends zu einer langen, dünnen grauen Locke ausgerollt wurde und war so sparsam, dass sie sich aus den abgelegten Oberhemden meines Opas Küchenschürzen nähte. Die Schürzen trug sie rund um die Uhr – bei der Gartenarbeit, beim Hausputz, beim Kochen. Oma ohne Schürze  kam nur für die 20 Minuten zwischen Servieren und Abräumen vor, in denen sie sich zur Familie an den Tisch setzte. Sie war keine liebevolle, herzliche, Geschichten erzählende Oma, sondern eine, die immerzu in Bewegung war, immer irgendetwas zu tun hatte und sinnlose Dinge sagte wie „langes Fädchen, faules Mädchen“. Die mit 75 noch im Kirschbaum herumkletterte und uns Enkeln beibrachte, wie man die Grießklößchen in der Erbsensuppe selbst macht statt verachtenswerte Fertigkost zu kaufen. Von Oma habe ich nur zwei Dinge geerbt: ein protestantisches Unvermögen, sich zu entspannen – und das Schränkchen, das im Flur stand und Kleinkram, Kleiderbürsten und Knirps-Schirme beherbergte. Es ist weder wertvoll noch schön und balanciert nur noch auf dreieinhalb Beinen. Es stand schon in einigen Gemeinschaftshaushalten knapp vor dem Rauswurf („Warum haben wir eigentlich dieses hässliche Ding da?“). Aber Omas Schränkchen ist heilig. Als ich es bekam, waren darin zwei Zigarrenblechdosen voller Nähgarn, manches davon auf uralten vergilbten Vorkriegsröllchen gewickelt. Oma hatte vermutlich zwischen 1925 und 1985 zu jeder aufkommenden Modefarbe passendes Nähgarn gekauft, um sich Blusen enger zu machen oder lose Knöpfe wieder anzunähen. Ein perfektes Erbstück: Es beherbergt Kopfhörer, Ersatzschlüssel, Schuhputzzeug, Fusselrasierer, leere Batterien, Luftpumpen, Schlafbrillen und Visitenkarten an deren Besitzer man sich längst nicht mehr erinnern kann - so ordentlich wie nur Oma es getan hätte. Und ich denke, ich werde in meinem ganzen Leben kein einziges Mal mehr Nähgarn kaufen müssen.

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Stockmensch

So lange ich denken kann, ist Reisen meine Idealvorstellung von Leben. Menschen, Orte, Situationen aufzusaugen wie ein Schwamm und dabei immer die Möglichkeit zu haben weiterzuziehen, ist besser als Drogen, Sex und laute Musik auf einmal. Leider hat mir meine Mentalität nicht ermöglicht, ein verrücktes Hippie-Leben in Thailand an einem Strand voller Surfer zu führen, weshalb ich den Großteil meiner Zeit in Hamburg mit Festanstellung, Kind und Wohneigentum zugebracht habe. Das ist natürlich wundervoll, vor allem das Kind. Dennoch: Der einzige Ausbruch aus dieser Zeit war eine Afrikareise, durchgeführt in einer der Wirtschaftskrisen, als Arbeitgeber ihren überbezahlten Mitarbeitern gern anboten, ein Sabbatical einzulegen. Mit meinem damaligen Freund wollte ich von Kairo nach Kapstadt reisen. Wir kamen nur bis Dar-es-Salaam, weil wir nicht durch den Sudan und Eritrea reisen konnten und einen Umweg über den Jemen und Dschibuti machen mussten. Diese Reise forderte mich auf die unterschiedlichsten Arten: Wir bereisten einige der ärmsten Länder der Welt, und einige der seltsamsten. Kauften auf einem äthiopischen Dorfmarkt die letzten drei verfügbarenTomaten (wir waren hungrig), feierten mit exzentrischen Briten und schwulen französischen Soldaten, ließen uns von islamischen Frauen erklären, wie man in Vollverschleierung flirtet und sahen am Lagerfeuer wie Kamelspinnen Rieseninsekten verspeisten. Wir hatten Flöhe und Malaria. Als wir nach Hause kamen, erkannte meine Mutter mich am Flughafen nicht, weil meine Haut so dunkel und meine Haare so hell waren. Im Gepäck war diese aus einem Stock geschnitzte Figur, die mit ihren Plastikperlenaugen immer an einem vorbeischaut - als müsste sie eigentlich bald mal wieder wegfahren.