Portrait

Isabell Zirbeck

Kommunikationsdesignerin

Stuttgart


Isabell Zirbeck ist freie Kommunikationsdesignerin in Stuttgart und Berlin. Sie mag Alltagsgeschichten, Papier, Bücher, Magazine, Verpackungen und leckeres Essen.

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Kette

E.K. 1921 steht in Schnörkelschrift graviert auf der Rückseite dieses Anhängers und es ist für mich der Inbegriff eines Erbstücks und hat mich früher immer mit einer unbeschreiblichen Ehrfurcht erfüllt. 1921 – das ist sooooo lange her! Meine Oma hat ihn von ihrem (Paten-) Onkel zur Geburt geschenkt bekommen. Meine Oma, ein Baby? Unglaublich! Das konnte ich mir damals kaum vorstellen. Sie hat ihn mir geschenkt, als ich acht Jahre alt war und so gerne auch eine Kette haben wollte. Wahrscheinlich weil sie selbst immer Ketten getragen hat. Leider ging recht bald die Perle verloren, der Juwelier, der die neue einarbeiten sollte, hat total versagt und ordentlich Klebstoff neben ihr rausquellen und trocknen lassen und dann passte der Anhänger lange Zeit nicht zu meinen Klamotten. Meiner Meinung nach hatte er mit Grunge so rein gar nichts zu tun. Und für Parties und meinen Alltag war er mir viel zu kostbar. Aber ich habe mich jedes Mal aufs Neue darüber gefreut, wenn ich in meine Schmuckschachtel geschaut habe und ihn in Ehren gehalten. Mittlerweile ist meine Oma verstorben, die Perle ist vom Kleber befreit und ich werde sie nun endlich vernünftig einarbeiten lassen und diesen Anhänger wieder häufig tragen.

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Schaukelpferd

Das Schaukelpferd ist ein Geschenk meines Vaters. Er hat es selbst gebaut. Es besteht aus den Resten, die von zahlreichen Möbelbauten übrig geblieben sind. Dabei sieht man ihm diese Verwertung gar nicht an! Mich beeindruckt diese Wertschätzung von Material, die meine Eltern uns Kindern mit auf den Weg gegeben haben, und die Kreativität, es einzusetzen. Ich habe das Pferd bekommen, als ich so etwa drei oder vier Jahre alt war. Es stand immer im Wohnzimmer am Fenster zum Garten. Ich bin damit weit geritten, meistens nach Laramie. Leider hatte ich keine Ahnung, was es damit auf sich hat, aber vielleicht sollte ich meinen Vater endlich danach fragen. Ich sitze bis heute gerne – mittlerweile im Damensitz – darauf. Vielleicht gab es auch Zeiten, in denen es nicht an seinem angestammten Platz stand. Jetzt ist es auf jeden Fall wieder da. Mir gefällt es, dass meine dreijährige Nichte nun darauf reitet, wenn sie bei ihren Großeltern ist. Ganz besonders freue ich mich aber schon auf den Tag, an dem mein Kind (weder unterwegs noch in konkreter Planung) darauf schaukeln wird. Und dann reiten wir zusammen nach Laramie!

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Gitarre

Die Gitarre war das erste Weihnachtsgeschenk von meinem Freund und ein echter Knaller! Der Wunsch, ein Instrument zu spielen, zieht sich durch mein Leben – mal mehr, mal weniger aktiv und mit unterschiedlichen Instrumenten. In meiner Schulzeit habe ich es mit der Blockflöte, dem Klavier und auch schon mit einer (geliehenen) Gitarre versucht. In der Studienzeit und lange danach kam die Musik bei mir dann ausschließlich aus dem Lautsprecher. Da mein Freund aber Gitarre spielt, kam der Wunsch wieder verstärkt zurück, es auch selbst zu versuchen. Allerdings sollte sie größenmäßig auch zu den Händen passen. Unsere Hände sind aber so unterschiedlich groß, dass die ersten Versuche frustrierend waren und eher Fingerakrobatik glichen als wirklichen Akkorden. Nur so als Größenvergleich: er hat Schuhgröße 46, ich 36. Dann bekam ich meine erste eigene Gitarre – oder eher ein Gitarrlein – passend für meine Kinderhände. Dazu eine DVD mit einem Gitarrenkurs. Die größte Überraschung dabei war aber der Gitarrenlehrer! Er selbst! Dieser Klassemann hat sich gefilmt und kann mir nun jederzeit – trotz Fernbeziehung – das Spielen beibringen und ich ihn anschmachten. Ich sollte dringend mal wieder üben.

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Kissen-Zipsel

Hier geht es weniger um das Kissen als solches als um den Zipsel. Ich weiß gar nicht, ob es dieses Wort überhaupt gibt oder ob es eine Eigenkreation aus frühester Kindheit ist. Es handelt sich um die Kissenecke mit dieser speziellen doppelten Naht. Das Zwischen-Daumen-und-Zeigefinger-Halten-und-über-die-Naht-Streichen ist das sogenannte Zipseln und irre entspannend. Finde ich jedenfalls – und mein kleiner Bruder, dem ich, sobald er Kissenecken halten und über die Naht streichen konnte, das Zipseln gezeigt habe. Er ist allerdings – auf Wunsch seiner Freundin, die keine Lust mehr auf zerschlissene Kopfkissen- und Bettdecken hatte – nach (wie er sagte) kaltem Entzug mittlerweile clean. Ich nicht – mein Kissen sieht bestens aus und beruhigt mich weiterhin. Ob ich es mal meiner kleinen Nichte zeigen sollte?

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Teeschalen

Nach dem Abitur bin ich als Au-Pair-Mädchen nach Florenz gegangen. Ein Abenteuer, von dem ich noch heute zehre. Und vor dem ich vor allem Respekt habe. Es war das erste Mal, dass ich weg war von Zuhause, anfangs sprach ich überhaupt kein Italienisch und ich lebte in einer fremden Familie. Ich war dort viel auf Märkten unterwegs. Ich mochte diesen Singsang von verhandelnden, durcheinander plappernden Menschen. Ich mochte die gesamte Atmosphäre, ich liebte die Piazza S. Spirito. Und mir gefielen die Waren einer Töpferin. Ich steckte ihr Kärtchen ein. Auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für meine Mutter fiel sie mir wieder ein und ich machte mich auf den Weg. Mittlerweile ist es mir ein Rätsel, wie ich ohne Internet die Route dorthin rausgesucht habe. Irgendwo muss ich umgestiegen sein, in so einen florenztypischen orangenen Mini-Linienbus, der so klein sein musste, dass er durch die vielen, kleinen Gässchen und Sträßchen kam. Irgendwann waren wir raus aus der Stadt. Es war erfrischend ruhig und leer und grün. Kaum ausgestiegen, musste ich feststellen, dass es dort natürlich keinen Laden gab, sondern ich vor der Töpferwerkstatt stand. Die Frau war etwas überrascht, überfordert, aber auch sehr gerührt, dass ich einfach zu ihr gekommen war, weil mir ihre Sachen so gefielen. Sie bat mich in ihre winzige Werkstatt. Ich fand ein Geschenk, einen Becher (der die lange Zeit leider nicht überlebt hat) und diese zwei Teeschalen. Irgendwann wurde die Frau etwas unruhig. "Meine beiden Jungs kommen gleich aus der Schule, ich muss das Essen kochen. Aber, weißt du was, komm doch einfach mit hoch und iss mit!". Und wie gemütlich es dort war! Verdammt, tat das gut. So herzlich war es das ganze Jahr nicht bei der Au-Pair-Familie. Auf dem Rückweg hatte ich Tränen in den Augen. So viel Wärme, so weit weg von Zuhause. Und die Erkenntnis, dass es gar nicht so viel braucht für Herzlichkeit. Und dass man auf sie trifft, wenn man sich aufmacht und offen für sie ist.