Portrait

James Castle

Modedesigner

Berlin


James Castle stammt aus London und hat 2010 sein eigenes Label in Berlin gegründet. Er entwirft maßgeschneiderte Mode für Männer und Frauen. Zusammen mit Marlene Sørensen schreibt er das Blog SPRUCED.

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Fever Pitch

"Fever Pitch" lese ich jedes Jahr in der heiklen Zeit zwischen Juni und August, wenn kein Fußball gespielt wird. Oder wenigstens kein Fußball von Arsenal. Wer Hornbys Buch kennt, kann sich vorstellen, dass ich es nicht lese, um meine Vorfreude auf die nächste Saison zu steigern. Nein, manchmal wünsche ich mir, jemand hätte mich beiseite genommen, bevor ich Fan dieses Vereins wurde, mir dieses Buch gezeigt und gesagt: "Junge, das steht dir bevor. Kehr um!". Und ich wäre vermutlich trotzdem ein Gooner geworden. Inzwischen hat Hornbys Buch sogar etwas Tröstliches für mich. Der Mann ist irre. Genau so irre wie ich. Zehn Monate im Jahr denke ich an das letzte Ergebnis und das nächste Spiel. Ich denke darüber nach, welche Spieler wir im Transferfenster kaufen sollten und welche Spieler wir mal wieder nicht gekauft haben. Dabei vergesse ich, dass es andere wie mich gibt. "Fever Pitch" gibt den Dingen eine Perspektive. Obwohl Hornby über eine Zeit im englischen Fußball erzählt, die 20 Jahre vor meinem ersten Besuch in Highbury spielt, verstehe ich, was er meint, wenn er von den gewaltigen Hochs und den niederschmetternden Tiefs schreibt. Ich bin mittlerweile seit über 20 Jahren Fan und wie er erinnere ich mich an bestimmte Ereignisse in meinem Leben weil Arsenal am gleichen Tag gespielt hat. Ich weiß, dass mein erstes Wochenende an der Uni auf den 23. Oktober 1999 fiel, weil Arsenal an dem Tag Chelsea mit 3:2  an der Stamford Bridge schlug. Nachdem wir bereits 0:2 hinten lagen und Kanu in den letzten 20 Minuten des Spiels der beste Hattrick gelang, den der moderne Fußball je gesehen hat (nach dem anderen besten Hattrick, den der moderne Fußball je gesehen hat: Dennis Bergkamp gegen Leicester City, Saison 97/98. Das Spiel endete 3:3. Auch das: typisch Arsenal). Das Autogramm hat mein Freund Nim für mich besorgt, der zufällig in einer Buchhandlung war, als Nick Hornby dort eine Lesung gab. Ich würde gerne sagen, Nim hat in dem Moment an mich als Arsenal-Fan gedacht. Wahrscheinlicher ist, dass er bloß eine Ausrede brauchte, um den Mann anzusprechen, denn er wollte selbst ein Autogramm von ihm, und unter dem Vorwand "Unterschreiben Sie doch erstmal für meinen Kumpel, ein Fußballidiot wie Sie" kam er sich wohl besser vor. Das Lesezeichen ist ein Ticket für ein Spiel gegen Spurs. Wir haben gewonnen.

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Jackett

Eigentlich hätte ich Bauingenieurswesen studieren sollen. Ich hatte schon meinen Platz an der Uni in Nottingham. Eine Woche bevor ich in den Norden ziehen sollte, gab ich meinen Studienplatz auf. Ich war immer gut in Mathematik gewesen, aber ich fand, das war als Grund nicht genug, um gleich Bauingenieur zu werden. Weil ich irgendetwas machen musste (Bedingung meiner Eltern), ging ich erstmal ein Jahr auf ein Art College, da ich glücklicherweise nicht nur in Mathe, sondern auch in Kunst ganz gut war. Durch den Lehrplan an meiner Schule wäre ich nie darauf gekommen, dass ich in der Mode einen Beruf finden könnte. Im College sah ich diese Möglichkeit zum ersten Mal und bekam ein Jahr später einen Studienplatz in Fashion Design an der Universität in London. Dieser Doppelreiher, mein eigener, ist eines der ersten Stücke, die ich für mein Label entworfen habe. Es hat einen ganz einfachen Grund, warum ich besonders gerne Jacketts mache: Jeder Mann sieht in einer gut geschnittenen Jacke besser aus. Wenn mich Leute in meinem Atelier besuchen, sind sie oft erstaunt, wie technisch es ist, Kleider zu machen. Sie sagen: Das sieht mehr nach Konstruktion aus als nach Kunst. Stimmt. Jedes Stück, das ich entwerfe, fängt mit einer künstlerischen Idee an. Aber ohne Schnittmuster, einen Bauplan, könnte ich sie nicht umsetzen. Irgendwie bin ich also doch Bauingenieur geworden.

 

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Siegelringe

In der Familie meines Vaters gibt es die Tradition, dass die Männer an ihrem 18. Geburtstag einen Siegelring mit ihren Initialen als Geschenk von ihrem Großvater bekommen. In dem Jahr nach meinem 18. Geburtstag starben die Eltern meiner Mutter und ich erbte den Siegelring ihres Vaters. Ich trage die Ringe nicht oft, aber sie bedeuten mir viel. Vielleicht auch, weil ich der vorläufig letzte Mann in der Familie bin, der einen hat, da mein Bruder zum 18. lieber eine Kamera haben wollte und mein Vater seinen Ring irgendwann auf dem Cricketfeld verloren hat.

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Sonnenbrille

Die erste Anschaffung, auf die ich wirklich gespart habe, war eine Sonnenbrille. Ich hatte neben der Schule gerade meinen ersten Samstagsjob angefangen - als Kistenschlepper im Supermarkt. Und sparte wochenlang, um mir eine Ray Ban zu kaufen, die ich in einem Schaufenster gesehen hatte. Auf meinem Schulordner klebte ein Foto von James Dean: Jeans, T-Shirt, Ray Ban. So eine Sonnenbrille musste ich auch haben. Meine Mutter hatte Bedenken: Ich würde mich bestimmt auf die Brille setzen. Wenn ich sie nicht vorher schon verlieren würde. Völlig unbegründet. Ich habe noch nie eine Sonnenbrille verloren. Vielleicht weil ich immer lieber mehr Geld für eine gute ausgegeben habe, statt schnell eine billige zu kaufen. Diese von Persol war ein Geschenk meiner Freundin, die die Notwendigkeit einer solchen Ausgabe offensichtlich versteht. Komischerweise habe ich trotz meiner Zuneigung zu Sonnenbrillen bisher keine Korrekturbrille gekauft, obwohl ich die wirklich mal bräuchte.

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Nähmaschine

600 Pfund - so viel hat diese Nähmaschine vor zwölf Jahren gekostet. Eine große Investition für einen Studenten. Aber sie musste sein, da ich die zwei Nähmaschinen davor zum Explodieren gebracht hatte. Wirklich, es stieg Rauch auf. Sie haben es wohl nicht vertragen, dass ich die Nächte vor Deadlines gerne mal durchnähe, um fertig zu werden. Diese ist aus der letzten Serie, die Bernina nur mit Metallkomponenten und ohne Plastik hergestellt hat. Das klingt vielleicht nicht nach viel, aber wenn man unters Gehäuse guckt, sieht man ein Präzisionsinstrument. Ich brauche diese Maschine jeden Tag, da ich meine Entwürfe selbst nähe, und ich muss mich darauf verlassen können, dass sie funktioniert. Das tut sie - ohne dass jemals Rauch aufsteigt.