Portrait

Marlene Soerensen

Journalistin

Berlin


Marlene Sørensen schreibt als freie Journalistin u.a. für das Zeit-Magazin, Vogue oder Maxi. Zusammen mit Modedesigner James Castle bloggt sie auf Spruced.

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Kamera

Wenn ich endlich mal Zeit habe, dann lerne ich, wie man mit dieser Kamera umgeht. Das sage ich mir jetzt schon seit acht Jahren, seitdem mein Vater sie mir vererbt hat. Aber ich hatte immer auch andere Kameras, kleine digitale, die man nicht lang kennenlernen musste und die keine schlechten Fotos machten. Aber sie waren auch nie so, wie ich mir die Fotos vorstelle, die ich mit der Mamiya machen könnte. Bilder, bei denen sich keiner die Kamera schnappen kann und beim Blick aufs Display losschreit „Iiiiiihhh! Lösch das!“. Bei denen man nicht sofort das Ergebnis optimieren kann. Die eine Überraschung sind.

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Ich habe es mir immer wieder vorgenommen: am Wochenende, dann beschäftigst du dich endlich mit der Kamera. Wenn du den Text geschrieben hast, dann. Wenn du die Wohnung geputzt, den Einkauf erledigt, das Leergut weggebracht hast, dann. Nach dem Urlaub. Im Herbst. Nächstes Jahr, dann aber wirklich. Ich habe es immer wieder verschoben. Weil Anderes gerade wichtiger war. Oder wenigstens: gemacht werden musste.

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Die Mamiya steht jetzt auf dem Bücherschrank gegenüber von meinem Schreibtisch. Eine Erinnerung daran, nicht die Dinge zu vergessen, die auf keiner Erledigungsliste stehen.

Der letzte Film steckt noch in der Kamera. Ich weiß nicht mal mehr, was drauf ist. Ich werde ihn entwickeln lassen und dann einen neuen einlegen. Am besten gleich morgen.

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Schminktisch

So lange ich mich erinnern kann, stand dieser Schminktisch im Schlafzimmer meiner Großmutter, der Mutter meines Vaters. Komisch eigentlich, dass sie so etwas besaß. Sie war eine handfeste Frau, machte sich nichts aus Äußerlichkeiten. Sie war nie geschminkt. Sie besaß nur eine Handvoll Schmuck: ihren Ehering, den sie nicht mehr trug, seitdem ihr Mann gestorben war, vielleicht einige Broschen und zwei Halsketten, die sie abwechselnd an ihrem Geburtstag umlegte. In einem Jahr die Perlenkette, im nächsten Jahr die mit dem goldenen Anhänger. Als sie starb, besaß sie zwei Kleider.

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Von ihrem auch sonst kleinen Besitz bekam ich die Kette mit dem goldenen Anhänger, einen Wohnzimmertisch und den Schminktisch. Er stand lange in einem Lager, denn ich zog ständig um und konnte ihn nie mitnehmen. Vor ein paar Jahren fiel er mir dann wieder ein. Ich wünschte mir von meinem Vater zum Geburtstag, dass er ihn weiß lackiert. Meine Mutter brachte irgendwann den Parfümflakon und die Schmuckdose aus Kristall mit, die bei meiner Großmutter auf dem Tisch standen und auch jetzt wieder dort stehen.

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Der Spiegel war von Anfang an nicht in Ordnung. Wenn man auf hohen Schuhen davor steht (oder einfach, wenn man so groß ist wie mein Mann), schrumpft im Spiegelbild der Kopf, man kann sich also eigentlich nur angucken, wenn man ein Stück weit in die Knie geht. Ich habe mich gefragt, warum meine Großmutter ihn nie auswechseln ließ. Aber die Türen vor dem Spiegel waren bei ihr Zuhause immer verschlossen. Ich glaube nicht, dass sie ihn je gebraucht hat.

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Comics

Ende der 70er Jahre ging mein Vater nach London, um dort eine Zeit lang zu arbeiten. Er kommt nicht aus einer Familie, in der ein Umzug nach England etwas Gewöhnliches gewesen wäre. Das Leben seiner Eltern, der älteren Brüder und lange eben auch seines, spielte sich in einer norddeutschen Kleinstadt ab. Vielleicht wollte er genau deshalb raus, nach London. So klingt es jedenfalls, wenn er von damals erzählt, gleichzeitig überwältigt und dankbar.

Inzwischen kenne ich seine Geschichten alle auswendig: wie er mit den Arbeitern, denen er als Tagelöhner auf dem Bau half, in ein Café ging und sich einen "Mixed Grill" zum Frühstück bestellte, ohne zu ahnen, was das ist. An dem Berg Fleisch, der ihm aufgetischt wurde, wäre wohl auch der stärkste Gerüstbauer gescheitert. Wie Anita, seine Gastmutter, das Schwarzbrot aus Deutschland in den Toaster steckte, in England würde eben alles getoastet. Wie er Pink Floyd in Elephant & Castle sah. Für ein paar Pfund! Von seinem Freund James, ein brillanter Kopf, aber kaum lebensfähig, der auf der Fensterbank Milchflaschen in unterschiedlichen Gärungsstadien sammelte. Als mein Vater zuletzt von ihm hörte, lebte er in einem zugigen Schloss in Frankreich und schrieb schlaue Bücher über die Ursprünge der englischen Sprache.

Eines dieser Bücher steht bei uns Zuhause im Regal. Als ich in der neunten Klasse etwas gegen meine miese Englischnote tun musste, habe ich versucht, es zu lesen – es war zu schwer. Stattdessen fing ich mit den Peanuts-Comics an, die mein Vater aus London mitgebracht hatte.

Es lag sicher nicht nur an ein paar geliebten Comics, dass mein Englisch schließlich gut genug wurde, um in England zu studieren. Und es wäre auch zu viel zu behaupten, es sei Vorsehung, dass ich mich irgendwann danach sehnte, aus einer norddeutschen Kleinstadt wegzuziehen und in London zu leben. Aber Zufall kann es wohl auch nicht sein.

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Kleid

Als ich James kennenlernte, war er der Modestudent aus dem Zimmer schräg gegenüber im Wohnheim. Als ich drei Jahre später aus London zurück nach Deutschland zog, war er einer meiner besten Freunde. Weil sich sein Abschluss verzögerte, hatte er damals gerade einen Nebenjob angenommen. Er hatte die Idee als Designer zu arbeiten zwar nicht aufgegeben. Aber könnte man mit Mode Geld verdienen? In London? Ihm kam das mit jedem Jahr weniger möglich vor.

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Als wir ein Paar wurden, hatte er seinen Nebenjob schon fünf Jahre lang gemacht und beschlossen, mit etwas Anderem neu anzufangen, wenn auch nicht mit Design. Als wir zusammen nach Berlin zogen, kamen wir mitten in die Krise und James musste einen PR-Job nach dem nächsten wieder aufgeben. In der Zeit fing er an, für Freunde Kleider umzunähen. Dann entwarf er ein Hemd für sich selbst. Um zu sehen, ob er es noch konnte, sagte er. Er hatte es satt, von den Entscheidungen anderer abhängig zu sein, er wollte selbst etwas tun, irgendetwas. Aber der Mut, sein Können zu seinem Beruf zu machen, fehlte ihm noch. Ich hätte ihn auch so darin unterstützt, aber dass ich ihn schließlich bat, mir etwas zu nähen, hatte vor allem egoistische Gründe: Ich wollte für die Hochzeit einer Freundin das perfekte Kleid.

Ich schätze, ich war eine anstrengende Kundin. Könnte er den Saum kürzer machen? Nein, doch lieber länger. Der Armausschnitt – war der nicht zu weit? Die Taille muss auf jeden Fall höher angesetzt werden! Er hörte sich das alles mit einer sagenhaften Geduld an. Und dann redete er mir das meiste wieder aus, mit der Überzeugung von einem, der weiß was er tut.

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Das Kleid ist schöner geworden, als ich es mir hätte vorstellen können. Denn es ist James Sicht von meiner Vorstellung: ein bodenlanger Rock mit einem Oberteil, das nur von zwei geschickt gesetzten Nähten zusammengehalten wird, in mitternachtsblau und leicht wie Seidenpapier. Ein Kleid, in dem ich mir erwachsener und eleganter vorkomme, als ich es mir bis dahin zugetraut hatte.

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Es lag nicht an diesem Kleid, dass James schließlich – endlich! – doch beschloss, sich als Designer selbstständig zu machen. Aber es ist sein erstes Stück und ich bin stolz, dass ich es tragen darf. Und ich weiß dadurch, dass die beste Antwort auf die Frage „Woher hast du das?“ ist: "Hat mein Mann für mich gemacht".

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Ring

Eigentlich hätte ich hier lieber einen anderen Ring gezeigt. Er gehörte zuerst meiner dänischen Großmutter, die ihn auf einer Reise in Österreich gekauft hatte, und dann meiner Mutter. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich anfing ihn zu tragen und ob ich ihn mir nicht eigentlich nur von meiner Mutter geliehen und vergessen hatte, ihn zurückzugeben. Aber ich muss 15 oder 16 gewesen sein, denn ich weiß, dass der Ring der erste echte Schmuck war, den ich getragen habe. Kein billiges Modeteil, sondern etwas Besonderes. Am ehesten passte er auf den Ringfinger an meiner rechten Hand, aber auch dort war er ein bisschen zu groß. Es kam mir immer so vor, als müsste ich noch weiter wachsen, um ihn tragen zu dürfen. Der Ring war Silber mit einer großen Knospe in der ein Amethyst lag.

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So sieht er immer noch aus, nur dass ich ihn nicht mehr habe. Ich hatte ihn zum Händewaschen abgenommen und dann auf der Toilette im Kopenhagener Flughafen vergessen. Dämlich genug und gemerkt habe ich es auch erst ein paar Stunden später. Sorgen habe ich mir trotzdem nicht gemacht. Ich dachte: wenn ich so einen auffallenden Ring finden würde, würde ich ihn abgeben. Aber wer auch immer ihn fand, er gab ihn nicht ab. Wahrscheinlich wurde der Ring verkauft. Nicht, dass er viel Wert gewesen sein kann, aber er sieht aus wie ein Erbstück. Ich stelle mir vor, dass den Ring jetzt eine Frau in Kopenhagen trägt. Ein kleiner Trost.

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Ich werde den Ring niemals ersetzen können. Deshalb habe ich mir absichtlich einen neuen ausgesucht, der ganz anders aussieht. Gold nicht Silber. Mit einem korallenroten Stein statt einem Amethyst. Vielleicht hätte ich mir diesen Ring auch dann gekauft wenn ich den anderen nicht verloren hätte. Aber wie der andere sieht auch er aus wie ein echtes Schmuckstück. Ich trage ihn am gleichen Finger. Er passt perfekt.