Portrait

Monika Scheele Knight

Literaturwissenschaftlerin

Berlin


Monika Scheele Knight lebt mit Mann und Sohn in Berlin. Sie ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet freiberuflich: schreibt, übersetzt aus dem Englischen, organisiert und betreut amerikanische Reisegruppen. Sie ist außerdem Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundes-ausschuss, ihr Sohn ist schwerstbehindert (Epilepsie und Autismus). Ihr Weblog heißt Gedankenträger.

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Vierblättriges Kleeblatt

Meine Freundin Susanne machte ihre Famulatur in Dublin, ich besuchte sie dort, wir gingen ins Konzert von Andy White, das weiß ich noch, und am Wochenende wollten wir nach Glendalough in die Wicklow Mountains fahren. Bis nach Enniskerry kamen wir mit dem Bus, von dort wollten wir den Rest der Strecke per Anhalter fahren, wir standen also am Ortsrand von Enniskerry im Klee und warteten darauf, dass uns jemand mitnimmt, aber es kam kein Auto, gefühlte Ewigkeiten. Wir überlegten schon, ob wir die Tagestour überhaupt würden machen können, wenn es schon so lange dauerte, überhaupt nach Glendalough zu kommen, und ich sagte: "Okay, ich finde jetzt ei vierblättriges Kleeblatt und dann nimmt uns gleich jemand mit." Tatsächlich fand ich dann in dem Meer von dreiblättrigen Kleeblättern sofort ein vierblättriges und gleich danach hielt eine Familie an, die in breitestem Dialekt mit uns sprach und wie selbstverständlich das ganze Auto umräumte, um zwei Plätze für uns freizuschaufeln. Die Familie brachte uns nach Glendalough, wofür sie sogar einen Umweg fuhr, weil sie eigentlich woanders hinwollte. Wir verbrachten dann einen schönen Tag in Glendalough und auf dem Rückweg nach uns ein junger Typ mit, auf dessen Rückbank eine Gitarre lag, was wir, das weiß ich noch, damals sehr beeindruckend fanden, vielleicht wegen Andy White. Das vierblättrige Kleeblatt wohnt seither im Buch Die Verzauberung der Lily Dahl von Siri Hustvedt. Das Buch finde ich zwar gar nicht so toll, aber nachdem ich das Kleeblatt zum Aufbewahren dort hineingelegt und darin getrocknet hatte, mochte ich es nicht mehr umsiedeln.

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Schminkkoffer

Mitte der Neunziger gab es in Charlottenburg einen Tauschladen. Sobald ich davon gelesen hatte, wollte ich das Tauschen natürlich gleich ausprobieren, sammelte Zuhause eine ganze Reihe von Dingen zusammen, von denen ich mich gut trennen zu können glaubte, und nahm sie mit in den Tauschladen. Es stellte sich dann als gar nicht so einfach heraus, Dinge zu tauschen: einige meiner Sachen wollte die Frau im Laden überhaupt nicht haben, was ich insgeheim empörend fand, weil es meiner Meinung nach schöne Dinge waren, aber immerhin konnte ich sie dann behalten, für andere Dinge verteilte sie Wertepunkte und ich fand einige Punkte arg niedrig bemessen, verglichen mit dem von mir gefühlten Wert. Am Ende ergaben die Dinge, die die Frau zu nehmen gewillt war, eine Summe von Punkten und ich durfte mir in diesem Punktewert etwas zum Tauschen aussuchen, fand aber in der Punkteklasse auf Anhieb erstmal nichts, das mir als Gegenwert meiner Dinge angemessen erschien. So ein Tauschladen ist zwar eine nette Idee, aber eigentlich zum Scheitern verurteilt, denn der Wert der Dinge ist eben nichts Objektives, das zeigt sich beim Tauschen noch mehr als beim Geld. Nach einigem Stöbern fand ich den kleinen, alten Schminkkoffer, der mir doch so gut gefiel, dass ich den Tauschhandel einging. Mittlerweile ist der Koffer als Aufbewahrungsort für allerlei Dinge viel mit mir in der Weltgeschichte herumgereist. Er gehört zu den Sachen, die mein Sohn kaputt gemacht hat, vor allem die Metallecke vorne rechts, aber auch das Futter innen und das Leder an der Seite. Zur Reparatur kommt der Koffer jetzt wieder zurück in seine alte Tauschheimat nach Charlottenburg: in der rbb-Abendschau wurde letzte Woche ein Feintäschner vorgestellt, der noch die hoffnungslosesten Fälle geduldig repariert. Der Mann scheint mir der richtige Kandidat für meine Kofferherausforderung.

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Leselotte

Meine Freundin Claudia schenkte mir vor vielleicht zwei Jahren diese handgefertigte Leselotte. Mit der Leselotte kann man vor allem im Bett sehr gut lesen, das ist sonst auf Dauer manchmal ungemütlich, im Halb-Sitzen kann man das Buch nicht gut auf den Knien ablegen und muss es immer ein bisschen hochhalten, im Liegen stützt man sich auf und irgendwann schmerzt der Ellenbogen oder der Nacken, so eine Leselotte ist manchmal eine gute Sache. Für ihre Zukunft sehe ich allerdings ein bisschen schwarz, weil ich immer mehr eBooks lese. Das Pad passt nicht auf die Leselotte, sie ist für ausgeklappte Bücher konzipiert. Vielleicht ist die Leselotte irgendwann mehr wehmütige Erinnerung als tatsächlicher Nutzgegenstand. Oder ich mache mir selbst eine neue fürs Pad.

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Vase

Meine Tante Edeltraud und mein Onkel Johannes schenkten mir diese Vase, die mir auf Anhieb sehr gefallen hat, aber das richtig Bemerkenswerte an ihr ist, dass sie immer noch heile ist, das macht sie zu einem Unikat unseres Haushalts, in dem ansonsten nämlich fast alles geklebt, geflickt, geschraubt und mehrfach repariert wurde. Es gibt außer der Vase kaum etwas, das unser Sohn John nicht heruntergeworfen oder anderweitig kaputt gemacht hat, die Vase aber steht auf ganz normaler Höhe auf dem Tisch, mal hier, mal da, und John hat sie noch kein bisschen lädiert. Je länger er diese Vase verschont, umso erstaunlicher wurde das Ganze, mittlerweile ist die Vase in meiner Familie eine kleine Legende, vorletztes Jahr bekam ich sogar eine Geburtstagstorte im Design der Lieblingsvase.

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Aschenbecher

Mein Mann Scott und ich haben diesen Aschenbecher zusammen gekauft, in einem Geschäft auf der Belmont Avenue in Chicago, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten. Wir waren gerade zusammengezogen, waren am Hafen spazieren gegangen, hatten unterwegs in einem Café gefrühstückt und fanden dann in einem kleinen Laden diesen kitschigen Aschenbecher. Selbstverständlich haben wir ihn sofort gekauft. 13 Jahre später nimmt der Aschenbecher die Kippen auf der Terrasse in Berlin ebenso dankbar entgegen wie er es seinerzeit in Chicago getan hat, damals noch in der Wohnung.