Portrait

Okka Rohd

Journalistin

Berlin


Okka Rohd arbeitet als freie Journalistin für Magazine wie Merian, SZ-Magazin, Essen & Trinken oder Vogue. Ihr Weblog heißt Slomo.


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Kette

Auf unserer letzten Reise zu zweit hat er mir diese Kette geschenkt: zwei Herzen für uns, ein großes für unser Baby. Zehn Tage vor dem offiziellen Geburtstermin ging der Verschluss kaputt. Die Reparatur sollte eine Woche dauern. Das geht nicht, sagte ich, ich muss die Kette tragen, wenn es los geht, und der Mann hinter dem Tresen lachte, Ihr erstes?, und ich nickte, was wird es denn, ein Mädchen, sagte ich, obwohl ich das bisher niemandem verraten hatte, ach, sagte er, kommen sie in einer Stunde wieder. Auf dem Rückweg vom Juwelier habe ich im Passfotoautomaten noch ein Foto von meinem Bauch gemacht, ein Bauch so riesig, dass er nicht ganz aufs Bild passte. Am nächsten Tag wurde Fanny geboren und ich eine Mutter.

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Schneebesen

Lange Zeit habe ich gegessen und gekocht, wie jemand, dem Essen nicht sonderlich wichtig ist: beiläufig, zweckmäßig, es musste schnell gehen und durfte nicht kompliziert werden. Irgendwann habe ich verstanden: Die Zeit, die man sich fürs Kochen und Essen nimmt, nimmt man sich für sich selbst. Es ist eine Form, das Leben zu lieben, wie das Lesen, den Sex, die Freundschaft, das Tanzen. Seitdem esse ich, so oft und gut, wie ich kann, was dazu geführt hat, dass ich nicht mehr verstehe, wie ich mir all die Jahre schlechte Tiefkühlpizza antun konnte. Und seitdem koche ich. Noch lieber backe ich. Beim Backen löse ich mich auf, die To-Do-Listen verschwinden und was sonst auch immer gerade in meinem Kopf rotiert, nichts ist so wichtig wie die Schüssel, in der ich Schokolade schmelze, sie mit Mehl und Butter und Zucker und Eiern und Vanille verrühre, dieses Rühren, endlich panikruckfrei, eine genaue und nützliche Bewegung, die tut, was getan werden muss, wenn man Schokoladenküchlein mit flüssigem Kern backen will. Das Werkzeug, mit dem ich am liebsten rühre, ist dieser Schneebesen. Kleiner als viele andere Modelle, schwer in der Hand, etwas Solides und Chromstahlglänzendes, als wäre er für mich gemacht worden.

 

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Ringelshirt

Mein altes, ausgeleiertes Ringelshirt. Das eine Stück in meinem Kleiderschrank, das gegen alles hilft. Gegen schlechte Laune, Zahnarztpanik, Regen, Lampenfieber vor Interviews, Komplexe, Weltschmerz. Ich bilde mir ein, dass es sogar gegen Migräne hilft, aber das ist wahrscheinlich totaler Unsinn.

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Sofa

Wenn man in unser Wohnzimmer kommt, erschrickt man ein bisschen, denn eigentlich besteht der ganze, nicht einmal kleine Raum, nur aus einem Sofa, das auch in einem drei Mal so großen Wohnzimmer viel hermachen würde. Ein hellgrauer Koloss, so überdimensioniert, dass auf ihm sechs erwachsene Leute bequem nebeneinander Platz haben - mit Sicherheitsabstand dazwischen. Links stapeln sich meine Bücher auf der Lehne, rechts seine, dazwischen, wie Wellen auf dem Meer, Kissen und das Spielzeug unserer Tochter. Das Sofa ist unsere Bucht. Hier liegen wir abends und gucken Filme, hier essen wir unser Abendessen, lesen, lümmeln, fummeln, reden. Auf diesem Sofa hat Fanny krabbeln gelernt und sich zum ersten Mal hingestellt, Patschehände auf der Lehne, ganz aufgeregt krähend über ihre Fähigkeit zum aufrechten Stand, die sich über Nacht in ihrem Babykörper eingenistet hatte. Auf diesem Sofa schlafen Gäste und manchmal auch er, wenn ich ihn aus dem sehr viel kleineren, aber nicht wirklich kleinen Schlafzimmerdoppelbett werfe, weil er zu laut schnarcht. Hätte unsere Wohnung ein Herz, es wäre dieser hellgraue Koloss.

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Andere Kette

Noch eine Kette mit Herz, aber eine, die ich niemals trage, dafür ist sie mir viel zu heilig. Vor ungefähr 60 Jahren hing dieser Anhänger am Hals meiner Großmutter, von der ich meinen zweiten Vornamen Hildegard und einen ungeheuren Dickkopf geerbt habe. Auf der linken Innenseite ist ein winziges Foto von ihr, lachend, sehr glücklich und ausgelassen. Rechts daneben ein Foto von dem Mann, den sie nach dem Tod meines Großvaters geheiratet hatte, ernst, wie immer ein bisschen spröde. Nach ihrem Tod wurde alles, was wertvoll war, unter ihren Töchtern, meinen großen Schwestern und Cousinen aufgeteilt, Sekretäre, Wandschränke, Perlenketten, Goldschmuck. Ich war zu jung, um die Hand zu heben, aber alt genug, mich an sie zu erinnern. Daran, wie energisch sie sein und wie gründlich sie sich ärgern konnte (auch das habe ich wohl von ihr geerbt). Wie unglaublich warm und herzlich sie sein konnte. Wie sie in ihrer winzigen Küche stand und riesige Braten in den Ofen schob. Wie sie Fichtennadelöl ins Badewasser goss, bis die ganze Wohnung roch wie ein Wald. Diese Kette gehörte zu den Dingen, die keiner haben wollte, so bekam ich sie. Ich würde sie um nichts in der Welt gegen einen Sekretär eintauschen.