Portrait

Peter Praschl

Journalist

Berlin


Peter Praschl lebt mit Frau und Tochter glücklich in Berlin und ist Autor der Welt.

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Freud

Die Sigmund Freud Action Figure hat mir mein Freund Knuth geschenkt. Es war eine seltsame Zeit. Zusammen machten wir in München ein Männermagazin, und wir hassten jeden einzelnen Tag. Nicht die Arbeit, nicht einmal den Umstand, dass wir ein Männermagazin machten, obwohl auch das eine falsche Idee gewesen war, sondern weil wir unsere Tage bis in die Nächte hinein an einem falschen Ort verbringen mussten. Neuperlach war eigentlich gar kein Ort, sondern einer dieser Nicht-Orte, die der Kapitalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts erfunden hat: Ein paar Wohnsilos, in denen die Verlierer der Gesellschaft weggesperrt waren (Asylbewerber, Hartz IV-Empfänger, Behinderte), ein Einkaufszentrum mit den üblichen Läden, billige Büroräume. Deswegen war unser Arbeitsplatz da: weil die Büros billig waren. Mit der U-Bahn brauchte man 40 Minuten in die Innenstadt (die aber bloß die Innenstadt von München war), das Taxi vom Büro nach Hause in mein uneingerichtetes Pendlerzimmer (ich wollte keine Wurzeln schlagen), kostete jedes Mal 30 Euro. Wir fühlten uns wie in Gefangenschaft. Jeden Freitag hatten wir Freigang und flogen nach Hamburg, zu unseren Frauen, anderthalb Jahre lang, bis der Verlag ein Einsehen hatte und das Magazin einstellte, mangels wirtschaftlicher Perspektive; obwohl es eine Niederlage war, war es auch eine Erleichterung.

 

Irgendwann in dieser Zeit legte mir Knuth den Plastikfreud hin, für dich, Praschl, du kannst ihn sicher gebrauchen. Er hatte Recht. In den vielen Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte, weil meine Futon-Matratze von Muji so hart war, habe ich mich oft mit mir selbst beschäftigt, mit dem Leben, das ich führte, was darin schief gegangen war und was mir fehlte, um es ins Glückliche zu wenden. Neben der Matratze stand Freud (ich hatte keinen Tisch, keinen Stuhl in meinem Zimmer, nur eine Matratze und einen kleinen Herd) und gab Acht auf mich. Manchmal stellte er Fragen, die keiner mir zuvor gestellt hatte, und die Antworten, die ich darauf fand, waren schmerzhaft, aber sie mussten gegeben werden. Der Freud wohnt immer noch bei uns in Berlin, er ist das Einzige aus der Münchener Zeit, das ich nicht weggeworfen habe.

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Eiffelturm

Ich bin in Linz an der Donau aufgewachsen. Es war eine glückliche Kindheit, es geschah nur nichts. Sobald ich denken konnte, wollte ich weg. Irgendwohin, wo Natur nur als Park vorkam, wo Frauen, die man begehrte, nicht so aussahen, als könnte man sie auch bekommen, wo man die Leute, die man nicht kennen wollte, nicht kennen musste. Paris war so ein Ort. Ich wusste nichts über Paris. Aber ich wollte unbedingt hin. 1977, mit 17, habe ich es endlich geschafft. Ich setzte mich in einen Nachtzug, und als ich am Gare de l'Est ausstieg, war ich glücklich. Ich quartierte mich in einer kleinen Pension in einem Banlieue ein, streunte mit Daniel, einem ehemaligen Soldaten, den ich in Dublin kennengelernt hatte und der eine obsessive Liebe zu Beethoven-Liedern unterhielt, durch die Straßen, verteilte mit ihm am Boul' Mich' Flugblätter für die Lutte Ouvriere, saß in Cafés, aß bei Daniels Mutter mein erstes Pferdesteak, ließ mich treiben, sah mir sogar Versailles an.

 

Ich bin seitdem oft, aber nicht oft genug da gewesen, und jedes Mal war Paris die allerbeste Stadt der Welt - ich bilde mir ein, die einzige Stadt der Welt, weil eine Stadt etwas anderes ist als nur viele Menschen an einem Ort, eher etwas wie eine Idee von Gesellschaft, Leben. Ich habe im Ritz geschlafen, im Bains Douches getrunken, zwischen den Hochhäusern von La Defense gestanden und bei den Defilés Naomi Campbell bestaunt, aber eigentlich bin ich immer nur in ziellosem Zickzack durch Straßen gelaufen und habe der Stadt zugesehen. Es funktioniert immer noch, jedes Mal. Wenn ich gut genug französisch spräche oder mehr Mut hätte, würde ich dort leben. Aus keinem besonderen Grund, bloß weil es mir richtig vorkommt, wie man in Paris geht, sitzt, schläft, die Zeitungen liest, diskutiert.

 

Den Eiffelturm haben wir gekauft, als wir Okkas 30. Geburtstag in Paris feierten. Wir standen auf dem Eiffelturm, tranken aus Plastikbechern Champagner, schauten über die erleuchtete Stadt, und dann küssten wir uns.

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Pasilla

Eine getrocknete Chili, im fabelhaften Berliner Foodie-Laden Goldhahn & Sampson gekauft, wo man dergleichen Stoff bekommt, Anisbrot und Salzschokolade und eben auch ein Dutzend Sorten mexikanischer Chilis, in kleine Plastiktüten verpackt, als hätte sie ein südamerikanisches Chilikartell auf den Weg geschickt. Wahrscheinlich ist mein Verhältnis zu vielen Lebensmitteln das eines Abhängigen, der seinen Dealern dankbar ist. Hat sich so ergeben mit 12, als ich, jetzt 51, zum ersten Mal das Meer sah, in Triest, eine Languste aß und einen mit Olivenöl angemachten Salat, so war das nämlich im Österreich der 60er Jahre: noch keine Globalisierung, noch kein Olivenöl, noch kein Meeresgetier, jedenfalls noch nicht für Linzer Mittelschichtkinder. So kam es, dass ich in den Sommerferien viele Gotteserfahrungen machen durfte, die mit Essen zu tun hatten; und so kam es, dass ich, kaum war ich mit 18 von zu Hause ausgezogen, mir das Kochen beibrachte, auf der Suche nach Geschmäckern, die ich wiederfinden wollte. Ganz allmählich bin ich dabei auch ins Chili-Universum gestolpert - denn es ist ein Universum aus aberdutzenden und aberhunderten Schärfen, die sich alle voneinander unterscheiden wie Menschen und Bücher und Bäume.

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Bumbo

Ein zerfleddertes altes Fotoalbum. Darin Schwarzweiß-Fotos von Zirkusleuten. Lauter Kleinwüchsige. Gruppenbilder aus Glasgow und anderen Orten. Fantasieuniformen, ernsthafte Gesichter. Manchmal Frauen mit großen dramatischen Theater-Augen. Ein Liebespaar.

 

Das Album gehörte Czeslaw Jaszczynski, geboren 1913 im polnischen Bochnia, verhaftet im August 1940 wegen seines Widerstands gegen die neue Ordnung. Er hätte seiner Festnahme entgehen können, Jaszczynski war bei Ausbruch des Krieges in England gewesen. Aber er kehrte, ohne zu überlegen, nach Polen zurück, um die Nazis zu bekämpfen. Sie warfen ihn ins Lager, Auschwitz. Um es zu überleben, musste er die zum Lachen bringen, die auch ihn ins Gas geschickt hätten, wenn sie noch länger Zeit gehabt hätten. Sie nannten ihn Bumbo, das war aussprechbarer und klang witzig, und stellten ihn ans Tor mit der Aufschrift ARBEIT MACHT FREI, zusammen mit einem Griechen, der 2,19 groß war, die SS fand das witzig: Zwei Untermenschen als Türhüter, der eine ein Lilliputaner, der andere ein Riese, lächerlich. Irgendwann starb der Grieche, im Lager verreckten die Großen immer schneller als die Kleinen, sie brauchten mehr zu essen und ihr Körper bot zu viele Angriffsflächen. Czeslaw Jaszczynski machte alleine weiter. Er salutierte, wenn morgens die Arbeitskolonnen ausrückten und wenn sie abends wieder zurück ins Lager getrieben worden. Oft, während er salutierte, machte er Faxen, er war immerhin Clown gewesen, ein Zirkusmann, sogar in Deutschland, noch zu der Zeit, als die Nazis schon an der Macht waren. Jetzt war Jaszczynski der Clown von Auschwitz, und er gab sich viel Mühe dabei. Einmal die Deutschen wütend gemacht, und schon wäre er, mag sein, ins Gas gegangen. Oder erschlagen worden. Oder in den Mengele-Block verlegt. Die Deutschen lachten gerne über ihren Bumbo, fast schien es, als hätten sie ihn lieb. Czeslaws Mithäftlinge hielten ihn für einen Kollaborateur, wer einen Deutschen zum Lachen bringt, ist ein Verräter. Dass Jaszczynski Angehöriger des Widerstands im Lager war, dass er mit seinen Clownereien nur die SS ablenken wollte, damit ein Mithäftling undurchsucht eine Kartoffel, ein Werkzeug, irgendetwas ins Lager schmuggeln konnte, wussten nur seine Genossen: Wie hätte er sich offenbaren können, wenn die Folge der Offenbarung sein Tod gewesen wäre?

 

Jaszczynski überlebte. Fast hätte er keine Rente bekommen, Kollaborateure hatten nichts zu erwarten. Dann schaffte es doch jemand, den zuständigen Behörden die richtige Geschichte des Clowns von Auschwitz begreiflich zu machen. Dieser Jemand war Tadeusz Szymanski, der, selbst nur knapp einem Konzentrationslager-Tod in Auschwitz und Groß-Rosen entronnen, 1946 nach Auschwitz zurückgekehrt war und zusammen mit ein paar Gefährten das Lager besetzte, um die polnische Regierung davon abzubringen, Auschwitz zu schleifen, und danach bis zu seinem Tod in einem SS-Wohntrakt lebte, als Mitarbeiter der Gedenkstätte und lange als Archivar nicht nur der Vernichtung, sondern auch des Widerstands gegen sie. Über Szymanski, den ich im Lauf der Jahre drei Mal besucht habe, habe ich eine lange Geschichte geschrieben, in der Frauenzeitschrift Amica, was mir heute niemand mehr glaubt, aber so war es tatsächlich. Bei einem unserer Gespräche erzählte er mir von Bumbo. Ich wollte seine Geschichte unbedingt aufschreiben. In einem Archiv in Essen entdeckte ich beim Mikrofilm-Lesen alter Nazi-Zeitungen ein Foto von einer Zirkusvorstellung für das Winterhilfswerk, lauter Nazikinder und in der Manege Jaszczynski, wie er ein Pony fährt, auf dem eines dieser Nazikinder sitzt. Irgendwann übergab mir ein Freund, der mit Jaszczynskis Bruder geredet hatte, das Album mit Jaszczynskis Fotos aus der Zeit vor dem Krieg. Seine Geschichte habe ich nie aufgeschrieben. Zu viele Spuren, die sich verliefen, zu wenige Leute, die mir Auskunft hätten geben können. Das Fotoalbum ist immer noch bei mir. Manchmal flüstert mir zu: Du hast noch eine Aufgabe im Leben. Und vergiss bloß auch den Griechen nicht.

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Spielwürfel

Ein paar Tage lang war das Fannys Lieblingsspielzeug: Ein Weichwürfel fast so groß wie ihr Babykopf; sie konnte ihn bepatschen und zerknautschen, werfen, wegstoßen und vor allem mit ihren Pinzettenfingern untersuchen. Jede seiner sechs Seiten war aus Erwachsenenperspektive eine pädagogische Absicht, aus Babyperspektive weiß man das ja nicht. Man konnte eine Möhre aus ihm hervorziehen. Man konnte ein Blatt wegfummeln und darunter eine Raupe freilegen. Man konnte in einen kleinen runden Spiegel hineingucken. Man konnte knistern, fühlen, Oberfächen kennenlernen und auch sonst alles mögliche mit diesem Würfel anstellen, grässliche Farben und Muster kennenlernen, auch die Natur - Wolken, eine lachende Sonne, einen Schmetterling. Ich lag daneben und sah ihr dabei zu, FännFänn sagte ich, oder KrappKrapp, die Wörter, die sich der Körper ausdenkt, wenn man ein Baby hat, die Wortverdoppelungen, die plötzlich, man weiß nicht warum, aus dem Mund kommen, die seltsame Parallelwelt, in die man eintritt, sobald man sich um ein Baby kümmert, eine Anti-Bauhaus-Purismus-Welt aus leuchtenden Farben, Maximalismus, Stofftieren, Natur-Simulationen. Das Seltsame dabei ist natürlich, dass Fanny mit ihren sechs Monaten die Originale zu den Simulationen noch gar nicht kannte, weder eine Raupe noch einen Schmetterling gesehen hatte, und falls doch, dann hätte sie mit den Abstraktionen nichts beginnen können, jedenfalls steht es so in den Texten über die Entwicklung des Bewusstseins von Kleinkindern, die ich gelesen habe, wie auch immer die zu ihren Ergebnissen gekommen sind. In ein paar Jahren werde ich ihr diesen Würfel zeigen, falls es ihn dann noch gibt, und ihr erzählen, wie gerne sie mit ihm gespielt hat, sie wird verwundert sein darüber und sich an nichts erinnern können. Ich mich dafür umso besser.