Portrait

Silke Hegemann

Krankenschwester

Stuttgart


hat als kleines Mädchen nicht davon geträumt, ist aber dennoch Krankenschwester geworden. Aus Trotz, weil ihr alle einreden wollten, mit Abitur müsse man studieren. Das hat sie irgendwann doch noch getan, arbeitet seit ihrem Pflegepädagogikstudium an einem Bildungszentrum für Gesundheitsberufe und ist momentan glücklich, weil sie gelernt hat, Mäusezähnchen zu häkeln.

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Tasse

Die schönste Tasse der Welt habe ich letztes Jahr von meinem Neffen zum Geburtstag bekommen. Er hat vor Stolz geglüht - "Sieh mal, die Sonne! Und schau mal, die Blumen! Und siehst du, die Wolken sind blau!". Und ich hab vor Rührung fast geheult. Ich will auf gar keinen Fall so eine Über-Tante sein, die mit stolzgeschwellter Brust der ganzen Welt mitteilt, was die lieben Kleinen nun schon wieder angestellt haben. Das kann ja bei Müttern schon nerven und ich bin "nur" eine Tante, aber was soll ich machen? Das ist nun einmal WIRKLICH die schönste Tasse der Welt, bemalt vom schlausten, witzigsten und mutigsten kleinen Jungen der Welt, ich kann nichts dafür.

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Chucks

Chucks trage ich schon seit Ewigkeiten, früher auch mal in schweinchenrosa, mittlerweile bevorzugt in schwarz. Dieses Paar ist etwas Besonderes für mich. Als ich 16 war, kam Julie in unsere Klasse, eine Austauschschülerin, blond und blauäugig wie eine Schwedin, dabei kam sie aus Hawaii. Wir saßen in Mathe nebeneinander, kapierten nichts, lästerten über den in seinen Bart nuschelnden Lehrer und schon waren wir Freundinnen. Wir hatten unglaublich viel Spaß zusammen, richtigen Mädchen-Spaß mit Gekicher und Gesprächen darüber, daß Depeche Mode die beste Band der Welt ist und Jungs, die auf Metal stehen, doof sind. Beim tränenreichen Abschied versprachen wir uns, dass wir Freundinnen bleiben würden, für immer. Ein Jahr später schickte sie mir dann diese Chucks, weil ich aus irgendeinem Grund unbedingt welche aus Amerika haben wollte. Auch wenn nicht mehr viel an ihre ursprüngliche Farbe erinnert (leuchtendes Grün), und sie nicht mehr regentauglich sind, käme ich nie auf die Idee, sie zu entsorgen. Sie haben sich verändert, sind älter geworden, so wie Julie und ich. Es macht mich glücklich, dass wir es tatsächlich geschafft haben, Freundinnen zu bleiben. Wir haben uns immer wieder getroffen, in unterschiedlichen Phasen unseres Lebens, an unterschiedlichen Orten, mal auf Hawaii, mal in Berlin, mal in Stuttgart, und auch wenn wir ganz unterschiedliche Leben weit voneinander entfernt führen - sie in Wisconsin, verheiratet und mit vier Kindern, ich, kinderlos und mit keinem so glücklichen Händchen in Beziehungsdingen in Stuttgart - weiß ich, diese Freundschaft wird bleiben.

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Ente

Das ist Laurentia, die Ente. An meinem 17. Geburtstag ist sie in mein Leben getreten, meine Freundin Karin hat sie mir geschenkt. Karin und ich kenne uns seit 1984 und seit 1984 hält uns jeder, der uns zum ersten Mal sieht, für Schwestern. Seit nunmehr 20 Jahren schläft Laurentia jetzt bei mir, ob zu Hause und auf Reisen. Wenn ich nicht einschlafen kann oder böse Träume habe, suche ich nach ihr, damit sie mich mit ihrem sanften Quietschen tröstet, und wenn ich sie aus Versehen aus dem Bett kicke, entschuldige ich mich bei ihr. Laurentia ist mittlerweile eine alte Ente, blass und mit nur einem Bein, aber ihren Job macht sie immer noch verdammt gut.

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Kleid

Es gibt kein Kinderfoto von mir und meinen Schwestern, für das ich mich schämen müsste und deshalb zeige ich sie gerne herum. Vielleicht nicht unbedingt das Bild, auf dem ich als Zweijährige im Bademantel im Flur stehe, ein Bein im Töpfchen, aber wenn es um meine Kleidung geht, muss ich sagen: Danke, Mama, gut gemacht! Kein Glitzer-Overkill, kein Hello-Kitty-Rüschenkram oder sonstige Peinlichkeiten, nur drei hübsch angezogene kleine Mädchen. Die Fotos, auf denen ich in den fürchterlichsten Outfits albern posiere und die deshalb niemals jemand zu Gesicht bekommen darf, entstanden erst in der Pubertät. Da richtete ich mich nämlich nicht mehr nach Mamas Vorschlägen, sondern eiferte den It-Girls meiner Jahrgangsstufe nach - hauptsächlich blonde Arzt- und Anwaltstöchter mit eigenen Pferden: neonfarbene Tops mit Getränkekartons bedruckt, cool! Extrabreite Lackgürtel, voll cool! Miniaturwasserhähne als Ohrstecker, am allercoolsten! Dieses indische Kleid habe ich sehr geliebt und nie vergessen. Der Gedanke daran, dass es in irgendeinem Altkleidercontainer gelandet ist und ich es niemals an meiner Tochter würde sehen können, hat mich manchmal richtig traurig gemacht. Umso mehr habe ich mich gefreut, als meine Mutter es mir kürzlich geschenkt hat. Jetzt fehlt mir nur noch eine Tochter.

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Kette

Das ist mein liebstes Schmuckstück und eines der wenigen Konfirmationsgeschenke, die mir gefallen haben. In den 80ern hat man als Mädchen ja noch einen Haufen blöder Handtücher und Servietten für die Aussteuer bekommen, dabei wollte ich, wie alle anderen auch, ganz viel Geld, um mir eine Stereoanlage kaufen zu können. Also war ich bei allen Geschenken, die nicht in einem Briefumschlag steckten, furchtbar enttäuscht. In diese Kette habe ich mich aber sofort verliebt und diese Liebe besteht bis heute. Der Anhänger ist ein Einzelstück, gestaltet von der Schwester einer Nachbarin, die ihn mir geschenkt hat. Sie war Schmuckdesignerin und, obwohl ich sie nie kennengelernt habe, bin ich ihr bis heute dankbar. Ich trage die Kette oft und gerne, aber es schwingt immer ein bisschen die Angst mit, dass ich sie verlieren könnte. Aber so ist das eben mit den Dingen, die man liebt.