Portrait

Stevan Paul

Kulinariker

Hamburg


Stevan Paul ist freier Autor und Foodstylist, seine kulinarischen Texte, Kolumnen und Reisereportagen erscheinen u.a. in Magazinen wie Effilee, Lufthansa exclusive und Mixology. Sein Weblog heißt nutriculinary. (Foto: Stefan Malzkorn)

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Schlüsselanhänger

An diesem Hotelzimmerschlüsselanhänger hängt ein Schlüssel. Man kann ihn nicht sehen und doch ist er da, es ist der Schlüssel, der mir die Tür zu meinem Beruf öffnete, zu meiner Leidenschaft. 1988 verließ ich noch vor dem Abitur die Schule und das Internat, begann eine Kochlehre bei Sternekoch Albert Bouley im Restaurant Hotel Waldhorn in Ravensburg. Mein Lehrherr förderte und forderte uns Lehrlinge umfassend, er lehrte uns neben dem Kochen auch Dinge wie Respekt, Konzentration, Menschlichkeit und Gastfreundschaft - Werte, die uns das Schulsystem nicht vermittelt hatte. Ich verdanke Albert Bouley eine Menge. Als damals ein Umbau des Hotels stattfand, wurden die alten Hotelzimmerschlüssel gegen moderne Chipkarten ausgetauscht, ich nahm mir die Nummer 30 aus der Kiste für den Schrotthändler, weil ich die Zahl mochte. Der Schlüsselanhänger liegt immer im Regal bei den Kochbüchern und erinnert mich an den Anfang.

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Lieblingsbuch

Erst war ich zu jung und dann noch ein paar Jahre lang zu doof für die Kunst. Zur Strafe habe ich Martin Kippenberger verpasst. 2007 erschien das biographische Portrait des Künstlers im Berlin Verlag, geschrieben von seiner Schwester, der Journalistin Susanne Kippenberger. Das gesamtdeutsche Feuilleton lobhudelte das Buch derartig, dass ich neugierig wurde. Ich habe dann die Biographie, ich habe den Menschen Kippenberger verschlungen, ich war und bin fasziniert von seiner Radikalität, sich, der Kunst und anderen gegenüber. Kippenberger bedeutet mir die beständige Aufforderung selbst zu denken, in Frage zu stellen, Position zu beziehen, auch mal unbequem zu sein, aber vor allem: keine Angst mehr zu haben, niemals, vor nichts und niemandem. Kippenbergers Lebensphilosophie ist für mich die Übersetzung der Mode-Erscheinung Punk in eine Haltung, die alterslos ist.

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Plattensammlung

Irgendwann stellte ich fest: Digitalismus rockt, aber nicht in Sachen Musik. Ich war Häppchenhörer geworden, kaum mehr in der Lage, mich auf ein ganzes Album als Gesamtwerk zu konzentrieren. Nur noch Links folgend, anspielen, anklicken, best-of-download, ein Lied ein Euro, gefällige Playlist basteln. Musik entdecken ohne Überraschungen zu erleben. Musik hören, ohne hinzuhören. Ich habe die Sache jetzt mal entschleunigt, den alten Technics-Plattenspieler entstaubt, meine Plattensammlung aus den Umzugskartons auf dem Dachboden zurück in die Mitte des Lebens getragen, mitten ins Wohnzimmer. Die riesigen, meterhohen Boxen habe ich der Liebsten zuliebe gegen kleine, unscheinbare Lautsprecherchen ausgetauscht. Die Liebste hasst leider die kleinen, unscheinbaren Lautsprecherchen, sie sähen aus, als habe "da ein Star Wars-Nerd was selbstgebastelt". Sie gewöhnt sich dran. Hoffe ich. Wir hören jetzt jedenfalls wieder Schallplatten. Ich kaufe wieder Schallplatten. Artwork statt Cover-Ansicht. Bass statt Rauschreduktion. Und in den Plattenhüllen steckt jetzt auch immer öfter: ein Download-Code. Geht doch, liebe Musikindustrie.

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Armagnac

Es war eine rauschende Hochzeit im alten Fährhaus, das September-Wetter spielte mit und eine Swingband zum Tanz. Noch vor dem Beginn der Feierlichkeiten klopfte meine Mutter an der Hotelzimmertür, sie habe da ein besonderes Hochzeitsgeschenk für uns, das sie nicht auf den großen Gabentisch im Saal stellen wolle, sie wolle es uns persönlich überreichen. Ein Hochzeitsgeschenk meiner Großeltern. Meine Großeltern waren vor über 15 Jahren gestorben. Sie hatten, als sie wussten, dass sie diesen Tag wohl nicht mehr würden miterleben können, meiner Mutter für den Fall meiner Hochzeit zwei Hochzeitsgaben anvertraut. Mutter überreichte von Großvater eine Flasche Armagnac aus meinem Geburtsjahr, Großmutter hatte drei karierte Geschirrtücher mit dem Familiennamen bestickt. Es waren die schönsten Geschenke dieses Tages. Unangetastet liegen die akkurat gebügelten und gestärkten Geschirrtücher seitdem auf ihrem Ehrenplatz im Küchenschrank, den Armagnac werden wir öffnen, kurz bevor die Welt untergeht.

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Bärbel an der Bar

Ich hatte es vermasselt. Ich hatte den Geburtstag meiner neuen Freundin vergessen. Liebe Männer: bitte nicht nachmachen. Etwas Großes musste her. Ausdruck meiner Liebe zu ihr. Nachträglich. Sollte da nicht für kommende Woche eine Verkaufsausstellung von SAM sein, eine Vernissage des Künstlers Nils Koppruch den sie, den wir so mochten? Hektisch blätterte ich im Stadtmagazin. Die Vernissage war vorgestern. Ich aufs Rad und zur Galerie im Karoviertel. "Alles verkauft, bis auf das Große da", der Galerist wies mit dem Daumen auf Bärbel an der Bar. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und sehr, sehr teuer für einen jungen Redaktions-Praktikanten. Die Freundin von damals ist heute meine Frau, bald zehn Jahre schon. Und beinahe so lange sitzt Bärbel nicht nur an der Bar, sondern auch immer mit uns am Tisch, besonders gerne wenn wir Gäste haben.