Portrait

Thomas Engel

Bauingenieur

Frankfurt


Der selbstständige Bauingenieur und Statiker wurde vor vierzig Jahren in Frankfurt geboren und lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in einem 1885 errichteten Fachwerkhaus in Oberursel. Seine wichtigsten Eigenschaften: Genauigkeit, Spiritualität, große Liebe zum Handwerk. Was dazu führt, das er ständig an etwas werkelt und eigentlich immer zu wenig Zeit hat. (Foto: Chris Kettner)

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Tim-und-Struppi-Uhr

Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, verbrachten wir die Sommerferien auf Kreta. Damals schenkten mir meine Eltern mein allererstes "Tim und Struppi"-Heft: "Die Zigarren des Pharaos". Von da an war ich angefixt. Ich sammelte alles von Tim und Struppi. Nicht nur die Bände selbst, sondern sämtliche Devotionalien: Becher, Teller, Schlüsselanhänger, Plakate. Und nicht nur als Kind, sondern auch noch während meines Studiums. Eigentlich richtet sich "Tim und Struppi" nicht unbedingt an Kinder, sondern ist für Erwachsene gemacht. Man merkt das am besonderen, ironischen Humor und daran, dass Hergé in seinen Geschichten auch sehr ernste Themen wie Konflikte und Krieg behandelt. Oft haben seine Geschichten das Zeitgeschehen vorweggenommen. "Reiseziel Mond" zum Beispiel wurde 1952 veröffentlicht, 17 Jahre vor der ersten Mondlandung und neun Jahre vor Juri Gagarins erstem Raumflug – aber Hergés Zeichnungen von der Rakete hätten treffender nicht sein können. Ein toller Mensch. Was mir von meiner Sammlung bis heute geblieben ist, sind die Bände – und die Uhr, die in der Küche hängt.

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Kreissäge

Diese Kreissäge ist der Oberknaller, aus verschiedenen Gründen. Der offensichtliche: Ich bin ein passionierter Handwerker, und Festool ist das Werkzeug schlechthin. Einfach das Beste, das man sich leisten kann. So ein Präzisionswerkzeug ist natürlich auch ein totales Männerding. Ich wollte als Schüler unbedingt eine Schreinerlehre machen und habe nur deswegen Abitur gemacht, weil man mich dazu gezwungen hat. So bin ich Statiker geworden und die Tischlerei eine Herzensangelegenheit geblieben, der ich in meiner freien Zeit nachgehe. Mein größter Traum war es immer, mir eine Bibliothek mit einer fahrbaren Leiter zu bauen. Immerhin habe ich es zu einem Bücherregal mit einer Leiter zum Einhängen gebracht. Aber auch die Geschichte, wie die Kreissäge zu mir kam, bedeutet mir viel. Vier Tage, bevor meine Tochter geboren wurde, starb mein Vater. Ein paar Tage vor seinem Tod fragte er mich, ob es noch einen Wunsch gäbe, den er mir erfüllen könne. Ich habe mir damals ganz spontan die Kreissäge gewünscht. Er hat sie mir geschenkt, zusammen mit meiner Mutter, obwohl die beiden eigentlich geschieden waren. So habe ich mit der Säge etwas, das mich an sie beide erinnert.

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Kaffeekannenbord

Die Sammlung von Porzellankannen auf einem weißen Bord ist ein gemeinsames Projekt von meiner Frau – einer Architektin – und mir. Sie sammelt seit zehn, fünfzehn Jahren Kannen aus verschiedenen Epochen, die ältesten stammen aus den 30er Jahren. Die meisten hat sie aus ihrer Familie, die allerwenigsten selbst gekauft. Wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir die Kannen zuhause präsentieren und uns schließlich für dieses weiß lackierte Holzbord entschieden, das ich (mit meiner Kreissäge!) gebaut habe. Darauf stehen sie nun, inszeniert wie Kunstobjekte, und werden (selbstverständlich) nie benutzt. Das Bord ist vermutlich das Modernste an dem alten Fachwerkhaus, in dem wir leben.

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Zeichnerbesteck

1978, ich war gerade sieben Jahre alt, hat unser Untermieter, ein Berufsschullehrer, mir dieses Zeichnerbesteck geschenkt. Ein Lineal mit einer Querstrebe, das man an einer Tischkante anlegen kann, um 30°- und 60°-Winkel zu zeichnen. Keine Ahnung, warum er es mir geschenkt hat, und was er heute macht, weiß ich auch nicht. Aber es war ein gutes Geschenk, das ich immer bei mir behalten habe und mit dem ich immer noch arbeite. Heute sind die meisten Werkzeuge aus Metall, dieses aber ist aus Holz, was es natürlicher, ursprünglicher und einfach zu einem perfekten Handwerkszeug macht. Außerdem steht das Besteck für alles, was ich mit meinem Beruf verbinde: Geradlinigkeit, Genauigkeit. Die braucht man als Statiker, schließlich trägt man Verantwortung dafür, dass Dinge, die gebaut werden, den Leuten nicht über dem Kopf zusammenbrechen. Ich glaube, es bedeutet mir aus einem Grund so viel: Ich bin das Zeichnerbesteck.

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Kunstwerk

Jeder ist stolz auf die Bilder seiner Kinder. Aber dieses 3D-Bild, das meine Tochter mit eineinhalb Jahren gemacht hat, hat mich wirklich umgehauen. Sie ist montags bis freitags bei einer Tagesmutter und hat bei ihr diese bunten Flocken vermutlich völlig unkoordiniert und ohne sinnvolle Absicht aufgeklebt. Als sie damit nach Hause kam, konnte ich erst gar nicht glauben, dass das von ihr stammt, musste dann aber anerkennen: das ist ihr erstes Kunstwerk! Jetzt hängt es in der Küche, und ich erfreue mich daran.