Portrait

Thomas Rusch

Fotograf

Paris


Thomas Rusch lebt in Paris und Berlin und fotografiert Menschen für Magazine, Kampagnen und Kunst.

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Clubsessel

Der Sessel hat eine lange Geschichte. Ich habe ihn in einer Zeit bekommen, als es mir überhaupt nicht gut ging. Ich hatte keine Kohle und überhaupt keine Jobs und wurde irgendwann von diesen Leuten angesprochen, die Nachbauten von Clubsesseln anfertigten. Die brauchten einen Katalog, hatten selbst aber auch wenig Geld. Sie boten mir an, die Fotos in Naturalien zu bezahlen. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, klang es nach einem ganz guten Angebot. Letztendlich war es ein ziemlich langwieriger Job, ich saß bestimmt drei Wochen lang an den Fotos, der Retusche, dem Katalog-Layout. Danach habe ich mich sehr gefreut, als sie mir diesen Sessel mit Hocker geschenkt haben. Und Rikiki, mein Kater, freute sich auch. Am Anfang war er noch ganz liebevoll zu dem Möbel. Etwa vier Jahre lang hat er den Sessel respektiert. Dann habe ich mich von meiner damaligen Freundin getrennt und Rikiki, der ein echter Beziehungskater war, ist ausgerastet. Er fand es in keiner Form akzeptabel, dass wir uns getrennt hatten und begann, den Ledersessel zu zerfetzen. Nach etwa einem halben Jahr sah das gute Stück so aus wie jetzt. Es ist mir trotzdem sehr ans Herz gewachsen, denn es eignet sich hervorragend um entspannt darin zu sitzen und zu lesen, Musik zu hören oder darauf zu vögeln.

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Sandalen

Gegen Ende meiner schlechten Phase hatte ich immer noch sehr wenig Geld, brauchte aber einfach mal was Neues zum Anziehen. Manchmal wusste ich nicht, wie ich die Miete bezahlen sollte. Ich ging trotzdem einmal zu den Soldes ins Printemps Homme, weil ich hoffte, irgendetwas zu entdecken, das mir eine neue Optik verleiht. Ich hasse Shopping und konnte nichts finden aber nach drei Stunden stand ich irgendwann vor diesem Paar Krokosandalen mit den größten Schuppen, die man bei so einem Tier finden kann. Ich finde Sandalen sind das peinlichste Schuhwerk, das Männer tragen können. Aber diese Steinzeit-Schlappen musste ich haben. Heschung ist eine traditionelle elsässische Firma, die normalerweise sehr konservative handgefertigte Schuhe herstellt. Diese Sandalen waren von 640 Euro (für mich damals ein undenkbarer Preis, eine Monatsmiete) auf 280 heruntergesetzt – offensichtlich wollte niemand sie haben. Ich bin sehr froh darüber, denn ich finde es toll, vermutlich der weltweit einzige Mensch zu sein, der mit diesen Schlappen herumläuft. Ich trage sie auch gern zum Anzug und freue mich, wenn Leute irritiert meine Füße anstarren.

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iPhone

Die Mutter meiner Freundin Susi nennt das iPhone nur S'Zauberkäschtle" und recht hat sie. Es ist eine Traumerfüllungsmaschine. Als der iPod auf den Markt kam, sagte ich: "Ich kaufe mir einen, wenn man damit auch noch telefonieren kann". Genau das ist ein paar Jahre später passiert. Es ist mir extrem wichtig, meine Musik, meine Filme, mein Büro, meine Emails, meinen ganzen Computer immer bei mir zu haben. Das iPhone hat mir Freiheit verschafft, denn ich muss nicht mehr drei Kilo Computer mit mir herumschleppen.

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Das obszöne Werk

Ich glaube, zum ersten Mal habe ich "Das obszöne Werk" von Georges Bataille in den Händen gehabt, als ich 17, 18 Jahre alt war. Zu der Zeit bin ich in Freiburg regelmäßig in die Walthari- Buchhandlung gegangen und hatte dort den – gibt's sowas heute überhaupt noch? – Buchhändler meines Vertrauens, der mich mit allem versorgte, was erotische Fantasien bediente, nachdem ich die Bibliothek meiner Eltern bereits nach allem Schlüpfrigen durchkämmt hatte. Dieser Buchhändler empfahl mir Henry Miller und Anais Nin und irgendwann Georges Bataille. Er sagte "Das musst du unbedingt lesen", und recht hatte er: Die Lektüre hat mich total weggebügelt. So etwas hatte ich in meinem Leben zuvor noch nie gelesen. Ich war auf einer katholischen Schule und sehr empfänglich für die Verknüpfung von Sexualität und Katholizismus, für Rituale, Symbole und Mystizismus. Das Buch hat Türen geöffnet, es hat mir eine Dimension von Fantasien und Sexualität gezeigt, die mir vorher nicht klar waren. Ich dachte oft darüber nach, wie man das fotografisch umsetzen kann (was ich nie getan habe). Wahrscheinlich werde ich es nie tun. Die beeindruckendste Geschichte war und ist für mich "Der Tote". Es hat schwarz gerahmte Seiten, ist geschrieben wie ein Drehbuch und die radikalste Liebesgeschichte, die ich je gelesen habe. Es ist die Geschichte einer Frau, die über den Tod ihres Geliebten so traurig und verzweifelt ist, dass sie sich selbst zu Tode säuft und vögelt. Völlig haltlos, verzweifelt und tabulos, aber alles aus absoluter Liebe. Das fand ich sehr verstörend und sehr faszinierend. Weil es mein Lieblingsbuch ist, habe ich es oft verliehen und nie zurückbekommen, nicht einmal. Ich habe bestimmt schon acht oder zwölf Ausgaben davon gekauft

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Badewanne

Meine Wohnung in Paris hat ein typisch französisches Badezimmer: winzig klein, mit verschiedenen Sorten Fliesen gekachelt, mit einem Fenster zum Lichtschacht, in dem die halbe Nacht der Aufzug geräuschvoll rumpelt und mit ausgeprägten Schimmelkulturen an der Decke. Irgendwann war mal ein Wasserschaden, den nie jemand repariert hat, seitdem blättert die mehrfach  überlackierte Farbe von den Wänden. Ursprünglich war eine Duschkabine im Bad eingebaut, aber ich wollte gern eine Badewanne haben. Ich liebe es zu baden, ein guter Tag fängt für mich mit einem möglichst langen Bad an. Als ich eines Tages mit einem Freund im Baumarkt war, entdeckte ich diese Kurzbadewanne aus Kunststoff. Wir packten sie in den Kofferraum, montierten sie unter Zuhilfenahme von Schraubzwingen, ausgelesenen Büchern und Pflastersteinen und voilà : seitdem habe ich eine Badewanne. Das Waschbecken musste aus Platzgründen weichen, aber wer braucht schon ein Waschbecken?