Portrait

Torsten Neumann

Filmfestival-Direktor

Berlin


Torsten Neumann ist Direktor des Internationalen Filmfest Oldenburg. Als Produzent war er für Filme wie die 99 Euro-FilmsMädchen am Sonntag oder Bedways verantwortlich.

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Schoko-Zigaretten

Aus Respekt vor meiner Einstiegsdroge. Was wäre nur aus mir geworden, wenn ich als kleiner Junge nicht den coolen Erwachsenen hätte nacheifern und lässig mit Kippe im Mundwinkel hätte posen können? Verlorene Jugend, mehr fällt mir dazu nicht ein. Meine Schokozigaretten werden schon bald den Hauch eines guilty pleasure auch vor dem Gesetz atmen. Man fordert ihr Verbot zum Schutze der Volksgesundheit! Weil sie als Einstiegsdroge für Kinder ein sozial desorientierendes Leitbild vorgeben. Was soll das für eine saubere Welt werden? Verbote zum Schutz des Rechtes auf Gesundheit. Entmündigung! Pfui! Domestizierung verfolgt nur ein einziges Ziel, das Erlangen einer totalen Kontrolle. Alles andere ist Lüge, Verschleierung und Gehirnwäsche. Ich sage, kauft Glühbirnen und Schokozigaretten, boykottiert die Energiesparlampen, so lange deren Licht so flackert! Definiert eure Moral selbst!

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Jiri Stajner-Poster

Der erleuchtetste Fußballer aller Zeiten, der Fußballer, der besser als jeder andere den wahren Geist des Spiels verkörpert ist kein strebsamer Arbeiter oder arbeitender Streber, sondern einer der nur, wenn er Spaß am Spiel entwickelt, grandiose Dinge macht, der Sachen ausprobiert, die auch schief gehen können, der etwas riskiert, bei dem Genie und Wahnsinn so nahe beieinander liegen, wie sie nun einmal zusammen gehören, der den schönsten und wahrhaftigsten Glaubenssatz des Fußballs, was rede ich, des Lebens ganz lässig formuliert hat: "Ich spiele mein Spiel, alles andere ist doch Scheiße." Kann das Zufall sein, dass so ein Foto von ihm entstanden ist?

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Blade Runner Collectors Edition

"Blade Runner Collectors Edition" mit der einzig wahren Fassung, der ursprünglichen Kinoversion mit Voice Over, Happy End und dem einfachsten und gleichzeitig klügsten Satz der Filmgeschichte: "Wir wussten nicht, wie viel Zeit uns blieb, aber egal, wer weiß das schon." 2007 wollten wir die ursprüngliche Kinofassung im Festival zeigen, da gab es eine Sonderreihe, in die der Blade Runner eigentlich reingehörte. Aber der Verleih hatte wirklich alle alten Originalfassungen vernichtet, so dass nur noch der Directors Cut zum Einsatz kommen konnte. Wir haben dann darauf verzichtet, aber ich hatte meinen Text schon geschrieben. Jetzt kann ich ihn endlich mal loswerden, weil er nicht den Film erklären, sondern dem Phänomen seiner zeitlosen Verehrung näher kommen will:

 

Wie gut, dass die Zeit manchmal doch eine tiefere Wahrheit enthüllen kann. Und natürlich ist es kein Zufall, dass es im Blade Runner um Zeit geht, Zeit, die der Wahrheit zu ihrem Sieg verhelfen soll. Aber alles, was so klar definiert scheint, wird im Blade Runner hinterfragt und zerbrochen. Die wichtigsten ethischen Prinzipien haben keinen Halt mehr, sobald der Mensch in der Lage ist, sie zu manipulieren. Menschlichkeit wird sich nur dann als moralische Instanz erhalten lassen, wenn ihre Grenzen nicht vom Menschen selbst verändert werden können. Im Blade Runner hat die genetische Entwicklung von Replikanten die Abgrenzung vom Menschen damit definiert, ihnen eine kurze Lebenserwartung zu codieren. Denn das Leben selbst schafft die Fähigkeit, Erfahrungen in Gefühle umzusetzen. Und Gefühle sollen das menschlichste Gut bleiben. Es kommt also wie es kommen muss, die Zeit als höchstes Göttliches Prinzip verliert ihre Unantastbarkeit und alles, was durch sie als Wahrheit erkennbar ist, löst sich vor unseren Augen in diesem zeitlosen Meisterwerk des Science-Fiction Genres auf. Wenn Deckard am Ende mit Rachel flieht und den schönsten Satz des Films ausspricht, ist die Wahrheit wieder zu einer Unbekannten geworden: "Wir wussten nicht, wie viel Zeit uns blieb, aber egal, wer weiß das schon."

 

Wie kann man diesen Satz aus dem Film entfernen und dann behaupten, dies sei die letzlich gültige Fassung des Films?

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Lichterkette

Mein Auto ist eigentlich immer ein Manta geblieben seit meinem schwarz-weißen Manta A GT/E Baujahr 1975, den ich in den 80ern gefahren bin, habe ich eine tief sitzende Sehnsucht nach klassischer Coupéform, viel PS und White-Trash Faktor. Jetzt hab ich meinen Manta wieder gefunden. Superneu, modern, extrem schön und mit so viel White-Trash-Appeal, wie es diese Marke sonst selten gezeigt hat. Die Lichterkette hat noch einen grandiosen Nebeneffekt: sie scheint in den Rückspiegeln so viel Ehrfurcht einzuflössen, dass die stursten Linksfahrer auf der Autobahn in kleinste Lücken rechts einscheren und Platz machen. So etwas hat mein schöner alter Manta nicht bewirken können, typisch deutsch: auf der Autobahn jemanden überholen lassen, hat ja nicht viel mit Besonnenheit oder gar schlichter Ratio zu tun. Wenn ein Auto der Unterschicht an dir vorbei will, kann man das mit seiner Positionierung in der Gesellschaft manchmal nicht so einfach vereinen. Seit ich mit dieser Lichterkette an einem Oberschichten-Manta unterwegs bin, spüre ich die Obrigkeitsergebenheit in unserem Lande extrem. Was mich in diesem Fall allerdings ausnahmsweise sehr glücklich macht!

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Astrid

Astrid ist die schönste hässliche Lampe von Ikea. Ich war so hingerissen von ihr, dass ich sie gleich ein zweites Mal gekauft habe. Jetzt habe ich sie in Berlin und in Oldenburg. Denn warum sollte man, wenn man nun einmal Pendler zwischen zwei Orten ist, irgendwo auf Astrid verzichten müssen? Ja, ich weiß, Ikea nennt sie anders, da heißt sie Arstid, aber das kann doch nur ein unabsichtlicher, bisher noch unbemerkter Buchstabendreher sein, oder?